Dienstag, 7. März 2017

Empfehlung zu "Nur eine Ohrfeige" von Christos Tsiolkas

Titel: Nur eine Ohrfeige / The Slap

Autor: Tsiolkas, Christos

Verlag: klett-cotta Heyne

Seiten: 512 Seiten

Preis: 10.99 Euro

Worum es geht: 

Sommer in Melbourne. Hector und Aisha geben zu Hectors Geburtstag eine grosse Gartenparty. Freunde und Familie sind geladen. Der schöne Tag nimmt ein jehes Ende als Harry dem dreijährigen Hugo eine Ohrfeige verpasst. Hugo ist nicht Harrys Sohn und so beginnt der Untergang der zivilisierten Freundschaft wie die Figuren sie aufrecht erhalten hatten. Aus einer scheinbar banalen Begebenheit entwickelt sich eine packende Erzählung über Liebe, Sex und die verschiedenen Auffassungen von Ehe, Erziehung und Freundschaft. Die Ohrfeige zwingt alle Beteiligten dazu, ihr eigenes Familienleben, all ihre Erwartungen, Überzeugungen und Wünsche infrage zu stellen. - Enthält Sätze des Klappentextes vom Heyne Verlag.

Meine Meinung: 




Das Buch mit einem Wort zu beschreiben fällt nicht schwer: Furchtbar. Doch, es ist einfach furchtbar. In einem sehr guten Sinn.
Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so fasziniert hat, und an das ich jetzt noch, Monate danach, so genaue Erinnerungen habe. Tsiolkas will dem Leser nicht gefallen. Er zeigt das hässliche Bild der Gesellschaft, die Abgründe des Menschen auf einer ganz alltäglichen Ebene. Man muss Streckenweise kämpfen und durchgehend fühlt man sich unwohl. Dennoch kann ich es nur jedem wärmstens empfehlen.
Nicht nur die Figuren werden gezwungen, eine Stellung zu vertreten, automatisch nimmt auch der Leser eine Stellung ein. Im Buchclub kam das interessant als Generationskonflikt heraus. War es vor 30-40 Jahren noch Gang und Gebe dem Kind mal eine Backpfeife zu geben, sollte es nicht gehorchen, darf man heutzutage ein Kind in der Öffentlichkeit nicht mal mehr böse ankuken.

Ich erinner mich, dass auch ich mal eine Ohrfeige von einer Nachbarin erhalten habe, kann aber versichern, dass meine Eltern nicht zum Anwalt gelaufen sind. Vielmehr gabs den Kommentar, dass ich ja wohl auch was angestellt haben musste um sie so zu provozieren. Schön kristallieren sich so die Fronten der "Is doch nur ne Ohrfeige" Denker und den "Wie kann er es wagen ein fremdes Kind anzufassen". Was alles zu der Ohrfeige geführt hat scheint nebensächlich. 

In 8 verschiedenen Perspektiven wird die Stellung der einzelenen Figuren beleuchtet, sowie der Werdegang der gerichtlichen Verhandlungen und dessen Auswirkungen auf das Leben der Figuren. 
Hectors Ehe scheint dem Untergang geweiht, haben er und Aisha unterschiedliche Meinungen zu der Situation. Seine Affäre mit der Minderjährigen Connie ist hierbei keine Hilfe.  Hugos Mutter fühlt sich unverstanden und kapselt sich ab, erschwert es den anderen und dem Leser ihre Entscheidungen zu Unterstützen. 
Von Drogenkonsum über Gewaltätigkeit zu Vernachlässigung gibt es in diesem Roman keine funktionierende Beziehung. 
Wichtiges Thema wird ausserdem der Klassenkampf Australiens. "Es geht um den Kampf zwischen "wogs" und "skips" - den Menschen mit dunkler Hautfärbung wie Harry und Hector, deren Eltern aus Griechenland stammen, und den weißen englischsprachigen Australiern. Aber auch um den Streit zwischen den neureichen Migranten und Hugos mittellosen Eltern." beschreibt Simon Broll es sehr treffend in seiner Spiegel Renezion.





















Der Roman verliert sich mittig leider ein wenig, weiss durch das abgerunde Ende den Leser wieder zu versöhnen. 
Wer die Möglichkeit hat, sollte sich auch unbedingt die hervorragende australische TV-Serie zum Buch ansehen (nicht die US Kopie). Eine Meisterleistung.