Mittwoch, 9. März 2016

Empfehlung zu "Mr. Gwyn" von Alessandro Baricco

@Hoffmann und Campe.de
Titel: Mr. Gwyn
Autor: Baricco, Alessandro
Verlag: hoffmann-und-campe.de
Seiten: 320 Seiten
Preis: 22.00 EUR

Die Gerüche im Atelier, der Staub, der sich auf jeden Gegenstand legte, der Schmutz, dem niemand Widerstand entgegensetzte all das vermittelte den Eindruck eines langsam atmenden Tiers im Winterschlaf, das für den Rest der Welt gestorben war. Der Dame mit der Regenhaube, die wisse wollte, wie es lief, erklärte Jasper Gwyn sogar, dass all das etwas Hypnotisches hatte, ähnlich der Wirkung von Drogen.

Worum es geht:

Jasper Gwyn, ein berühmter englischer Schriftsteller Anfang vierzig, fasst eines Tages einen weitreichenden Entschluss. In einem Zeitungsartikel listet er 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt, darunter auch: Bücher schreiben. Stattdessen beschließt er, in seinem neuen Leben als "Kopist" zu arbeiten und Porträts anzufertigen - dies allerdings nicht mit Pinsel und Palette, sondern in geschriebener Form. Er mietet ein Atelier an, wo ihm fortan Menschen Modell sitzen, die sich später in seinen Porträts gänzlich wiederfinden werden. Bis eine junge Frau auftaucht, die sich den strengen Regeln des Kopisten entzieht.

- hoffmann-und-campe.de

Meine Meinung:

Jasper Gwyn wird nie mehr einen Roman schreiben, doch schreiben muss er weiterhin, wie er schnell merkt. Das Porträt eines Künstlers der sich seiner Kunst nicht entziehen kann, sosehr er es sich auch wünscht. Man fühlt sich als lese man einen Traum. Manches hat sehr scharfe Konturen, das meiste bleibt undefiniert im Hintergrund, das Gefühl eines Umrisses. Gefestigt wirkt nur das Atelier, bis ins kleinste Detail perfekt, eine Genugtuung für den Leser. Man fühlt sich zeitweise wie ein Voyeur, der ins Atelier, ins Leben und die Arbeit von Gwyn reinlinst und etwas beobachtet was nicht für ihn bestimmt war. Sinnlichkeit durchflutend die Zeilen auf dem Papier, ein Hauch Magie in der poetischen Geschichte.

Gwyn muss erst rausfinden wie er ein Porträt schreiben soll und nutzt die Praktikantin seiner Agenten als Versuchskaninchen. Die Füllige Rebecca soll ungefähr 30 Tage lang jeweils 4 Stunden nackt in seinem Atelier sein, er wird sie beobachten und dann ihr Porträt anfertigen. Die vollkommene Darstellung ihres Seins. Nach dieser Erfahrung nimmt er Kunden an für die er geschriebene Porträts anfertigt, eine skurrile Ansammlung an Menschen, die sich beobachten lassen. Kritisieren kann man Stellenweise das offensichtliche Bemühen des Autors etwas Besonderes zu schreiben, der krampfhafte Versuch die richtigen Wörter zu finden. Wer sich aber auf die Geschichte einlässt, sich einfangen lässt, hat die Möglichkeit in eine andere Welt zu entfliehen.

"Jasper Gwyn hat mir beigebracht, dass wir keine Figuren sind, sondern Geschichten. Wir begnügten uns immer mit der Vorstellung, eine Figur in wer weiß welcher Abenteuergeschichte zu sein, auch in einer ganz simplen, aber wir müssten einsehen, sagt er, dass wir die ganze Geschichte sind, nicht nur diese eine Figur. Wir sind der Wald, durch den sie wandert, der Bösewicht, der sie reinlegt, das Durcheinander um sie herum, wir sind alle Leute die vorbeigehen, die Farben von Dinge, die Geräusche."

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