Dienstag, 18. August 2015

Empfehlung zu "Herrlichkeit" von Margaret Mazzantini



Titel: Herrlichkeit

Autor: Margaret Mazzantini

VerlagDumont

Seiten: 395 Seiten

Preis: 22.99.-


Wir waren jung, allesamt

Worum es geht: 
Eine Geschichte vom Verlieren und wiederfinden.
Guido und Costantino wachsen im selben Palazzo auf, stammen jedoch aus völlig unterschiedlichen Milieus. Guido ist ein einsames Kind des Bildungsbürgertums, das, der Obhut wechselnder Hausmädchen überlassen, jeden Abend sehnsüchtig die eigene Mutter erwartet. Costantino lebt als Sohn des Hausmeisters im Souterrain. Mit Herablassung beobachtet Guido Costantinos Anstrengungen, die Schule zu meistern, und zugleich bewundert er heimlich dessen Entwicklung zu einer kräftigen männlichen Erscheinung. Auf der Abiturfahrt erleben die beiden eine rauschhafte und intensive Zeit, bis sie schließlich einander und sich selbst ihre wahren Gefühle gestehen. Kurz danach verlieren sie sich aus den Augen. Guido geht nach London, heiratet und hat bald eine Familie. Costantino bleibt in Rom und betreibt ein Restaurant. Doch immer wieder kreuzen sich ihre Wege, flammen ihre Gefühle füreinander wieder auf. Können die beiden die sein, die sie sein wollen? -Dumont



Foto: Joshua Earle

Er dachte nach, oder vielleicht starb er auch wie einer dieser grossen Fische, die aus fernen Meeren auftauchen und an einem überfüllten Strand landen. Fische, die auf ihrer Reise irgendwas falsch gemacht haben, die, von einem Licht oder von einer Seeanemone auf dem Grund angelockt, ihren Schwarm verlassen haben, und wenn sie dann zurückwollen, ist es zu spät.




Meine Meinung:

Gewagt das Buch, aus der Sicht des Antihelden Guido. Nichts an ihm ist liebenswert, doch kein Leser kann ihn mehr hassen als er sich selbst, sein größter Feind im Spiegel. Guido ist unser Führer in diese verbotene Liebe, verleugnet er seine ganze Jugend hindurch was ihm fehlt. Constantino ist erstmals die treibende Kraft und doch dreht sich alles um Guido. Guido, der seit er sich erinnern kann, zwar gut situiert, aber in einem schwarzen, alles verschlingenden Loch lebt, aus dem er nicht herauszukommen scheint. Fehl am Platz, ein Vakant in seinem unschönen, eigenartigen Körper. Glaubt man noch es liegt an seinen Teenagerjahren wird schnell klar, Guido lebt in Düsternis, verbringt sein Leben als suchender nach etwas das nicht existiert. Von allen Künstlern, ist er überzeugt Van Gogh sei ihm mental am nächsten, Kafka gleiche ihm vom aussehen.



Foto: Patryk Sobczak
Das erste Mal zwischen Constantino und ihm lässt ihn kurzzeitig glauben angekommen zu sein, endlich da zu sein wo er hingehört. Doch Mazzantini weiß mehr über das Leben als den Leser mit dem Klischee der alles heilenden Liebe zurückzulassen.
Das Buch ist Guidos bedauern, seine Art Absolution sich selbst gegenüber, über alles was er falsch gemacht hat.
Sein Leben lang schien er nur mit Constantino zusammen sein zu wollen und das Leben, sowie viele Fehlentscheidungen, kam dazwischen. Dies ist ein, für mich, sehr schöner Teil des Buches. Dieses ewige "Wir gehören zusammen" wobei beide in ihrer Verzweiflung versuchen sich wegzustoßen, nur um dann sehnsüchtig wieder zueinander zu finden.

Mazzantini streift in Guidos Biografie ein paar wichtige Zeitabschnitte an. 70er Jahre im patriarchalischen Italien, beide sind Teenager und fangen an sich Fragen zu stellen zu einer Zeit in der man Homosexualität totschwieg. Das Leben als Bisexueller. Später als Guido erwachsen und verheiratet ist, die Entdeckung von Aids, und die Angst davor. Noch später die Möglichkeit öffentlich auszuleben, was man sich früher niemals getraut hätte, und den Preis dafür zu zahlen. 



Foto: Zak Suhar




Ich blieb an der Tür und genoss die Ankunftsszene, die sich öffnende, schwarze Tür des Cabs und ihn, der sich beim Aussteigen bückt, dann aufschaut. Und ich bin da. Sein freund seit jeher, seit damals. Damals bevor dieses Leben hier begann, das schon fast zwanzig Jahre dauert. Das uns seit fast zwanzig Jahren trennt.




Das Buch, und vor allem Guido in seiner Selbstzerstörung, hat mich sehr oft an Yngve aus dem Irrläufer, ein norwegischer Roman von Gudmund Vindland, erinnert. Ein kleiner Tipp am Rande für Leser, die "Herrlichkeit" mochten. Beides Jungen die sich in den 70er / 80er ihrer homosexuellen Neigungen bewusst wurden, beide mit dem Kampf dagegen, und für Normalität. Yngves Selbstzerstörung ist explosiver in der Natur als Guidos, der sich über Jahre hinweg sanft Richtung Tod bewegt, deswegen fühlte sich Guidos Leidensweg realer an. Alkohol und Drogen spielen für beide eine mehr oder minder wichtige Rolle im Leben.
Real ist auch das nächste Schlüsselwort, Mazzantini gibt dem Leser das Gefühl der Echtheit. Keine Fiktion, nein, hier leiden Menschen. 

Wie konnte sie als Frau wissen, wie sich homosexuelle Männer fühlen?
Ihre Antwort: "Das hat damit zu tun, dass ich besonders am Anderen interessiert bin, an dem, was sich von mir unterscheidet. Und die homosexuelle Liebe ist bewusster, es steckt ein größeres Leiden dahinter, man muss einen Teil von sich akzeptieren, der nicht so leicht zu ertragen ist, vielleicht auch, weil dieser Teil extremer ist. Es ist also zunächst schwerer, man selbst zu sein. Es gibt ein zusätzliches Hindernis. Andererseits glaube ich, dass ein Schriftsteller die Fähigkeit haben muss, in ein anderes Leben zu schlüpfen und einen Lebensweg zu konstruieren, der nicht der eigene ist." - NDR.de / Katja Lückert



Foto: Joshua Earle




Wieder dachte ich, dass er es war, der mich mitzog, dass dies nicht meine eigentlich Natur war, sondern nur ein teil von mir, der schmerzlichste. Eine dunkle Seite, zu der er leichten Zugang hatte.









Wie viele schwule Männer zu der Zeit, versteckten sich beide in einer Ehe, hoffen darauf, dass ihre Gefühle erlöschen und das Familienleben sie heilt. Die Liebe und den Respekt den Guido seiner Frau gegenüber bringt, ist zwar glaubhaft, aber auch nur solange vorhanden wie Constanino von der Bildfläsche verschwunden.
Und doch ist die Darstellung der Liebe ein weiteres schönes Puzzelstück. Trotz ihrer Unzulänglichkeiten scheinen beide ihre Familien auf ihre Art zu lieben. Es ist kein Versteck, es ist ein Zuhause, aus Gewohnheit und Erziehung entstanden, aus Angst vor der Alternative, aber dennoch ein Zuhause.

Das Buch bietet dem Kenner des Genres vielleicht keine neuen Einsichten, weiß sprachlich aber zu fesseln. Die Thematik, momentan wegen der Einführung der Homoehe, natürlich sehr aktuell. Dazu kommt, dass Mazzantini mit Guido und Costantino keine üblichen Helden ins Rennen um die Gunst des Lesers schickt. Sie sind nicht Liebenswert und man braucht recht lange bis man sich für Einen oder beide erwärmen kann. Es ist eine Kunst, den Leser am Ende, mit dem Antihelden mitleiden zu lassen. Eine Kunst die Margret Mazzantini beherrscht.



Ich sehe ihm zu, und er macht es. Macht drei Schritte und einen Hüpfer. Und dieser Hüpfer sind wir, glaube ich.
Foto: Gili Benita

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