Donnerstag, 20. August 2015

Empfehlung zu "Lady Afrika" von Paula Mclain

Titel: Lady Afrika

Autor: Paula McLain

Verlag: Aufbau

Seiten: 464 Seiten

Preis: 19.95.-


Worum es geht:


Die Frau, die den Himmel bezwang

Aufgewachsen als Tochter eines Lords im afrikanischen Busch, interessiert sich die junge Beryl nicht für Seidenkleider und Etikette. Dafür ist sie stark und mutig wie ein Kipsigis-Junge und hat von ihrem Vater alles über Rassepferde gelernt. Doch im britischen Protektorat – dem späteren Kenia – der vorigen Jahrhundertwende ist kein Platz für solch ein ungezähmtes Mädchen. Bis sie in Karen Blixen eine Seelenverwandte findet – und in deren Geliebtem, dem Flieger und Großwildjäger Denys Finch Hutton, das Abenteuer ihres Lebens.

Die Autorin des internationalen Bestsellers „Madame Hemingway“ erzählt in diesem großen Afrika-Epos die wahre Geschichte der Flugpionierin Beryl Markham, die als erste Frau den Atlantik überquerte. - Klappentext von Aufbau-verlag.de



Bettmann/Corbis
“We’re all of us afraid of many things, but if you make yourself smaller or let your fear  confine you, then you really aren’t your own person at all—are you? The real question is whether or not you will risk what it takes to be happy.”


Meine Meinung:

Mit Paula Mclain halte ich es nach Madame Hemingway wie mit Anne Fortier nach Julia; das Thema des neuen Buches interessiert mich nicht, ich werde einfach alles lesen, was sie schreibt. Mit Beryl Markham hatte ich mich bisher auch nicht beschäftigt. Ich wusste nach der Klappentextlektüre nicht wirklich was ich von der Idee einer Biografie über diese Frau halten sollte, konnte ich mit der Thematik so gar nichts anfangen, mal abgesehen davon dass es eine starke Frau im Vordergrund hatte.
Aber Paula Mclain kann schreiben. Ich hätte niemals zweifeln dürfen!

Einer Liebeserklärung gleich beschreibt sie Afrika und verzaubert den Leser so sehr,dass man das Gefühl hat selbst Barfuß über die heiße Erde zu rennen.
Man spürt die Faszination und Zuneigung der Autor gegenüber Beryl, die es dem Leser manchmal nicht einfach macht ihre Entscheidungen nachzuvollziehen. Bewundernswert fand ich, vor allem, wie sie sich Treu blieb, und immer wieder zu sich selbst fand. 


Das Leben in Afrika, in der kleinen englischen Gemeinschaft, in der jeder jeden kannte. Frei von den Zwängen Grossbritanniens wurde unter der glühenden Sonne gelebt und geliebt. Die Frauen liebten selten ihren Ehemann, und wie es bei Mclain scheint, fast alle Denys Finch Hatton.
Wie bereits in Madame Hemingway wurde hier wundervoll recherchiert. Diese romantisierte Variante der Geschichte brachte selbst Geschichtsmuffel wie mich zum begeistertem Googeln. Von Beryls Kindheit, ihrer Freundschaft zu Kibii, einem Kibsiskrieger, bis hin zu ihren Affairen bricht Beryl Grenzen, die anderen ihr setzen wollten. Ein Buch über eine starke, nicht unterzukriegende Frau, die ihren Mann stand. 



Leider ist der Klappentext im englischen ein wenig Irreführend. Habe ich eine Geschichte darüber erwartet wie Beryl sich ins Fliegen verliebt und sich in einer Männerwelt durchsetzt, ist der Fokus der Geschichte auf das "Vorher". Was erlebte Beryl bevor sie flog? Eine ganze Menge, und fast ausschließlich hat es mit Pferden zu tun. Im Grunde ist es ein Pferderoman. Ein Frauenschicksal, ähnlich der Stefanie Gercke oder Sarah Lark Romane, die in einer fremden Welt ihr Glück findet, hier mit Pferdezucht. Wer das nicht weiß, wird wie ich ungeduldig auf das Flugzeug warten. Wenn man das Flugzeug und das Fliegen aber vergisst, ist es ein unglaublicher Abenteuerroman mit einer facettenreichen Hauptfigur!


Jetzt beginnt das Warten auf das nächste Buch der Autorin, mal sehen womit sie uns diesmal überrascht.

Dienstag, 18. August 2015

Empfehlung zu "Herrlichkeit" von Margaret Mazzantini



Titel: Herrlichkeit

Autor: Margaret Mazzantini

VerlagDumont

Seiten: 395 Seiten

Preis: 22.99.-


Wir waren jung, allesamt

Worum es geht: 
Eine Geschichte vom Verlieren und wiederfinden.
Guido und Costantino wachsen im selben Palazzo auf, stammen jedoch aus völlig unterschiedlichen Milieus. Guido ist ein einsames Kind des Bildungsbürgertums, das, der Obhut wechselnder Hausmädchen überlassen, jeden Abend sehnsüchtig die eigene Mutter erwartet. Costantino lebt als Sohn des Hausmeisters im Souterrain. Mit Herablassung beobachtet Guido Costantinos Anstrengungen, die Schule zu meistern, und zugleich bewundert er heimlich dessen Entwicklung zu einer kräftigen männlichen Erscheinung. Auf der Abiturfahrt erleben die beiden eine rauschhafte und intensive Zeit, bis sie schließlich einander und sich selbst ihre wahren Gefühle gestehen. Kurz danach verlieren sie sich aus den Augen. Guido geht nach London, heiratet und hat bald eine Familie. Costantino bleibt in Rom und betreibt ein Restaurant. Doch immer wieder kreuzen sich ihre Wege, flammen ihre Gefühle füreinander wieder auf. Können die beiden die sein, die sie sein wollen? -Dumont



Foto: Joshua Earle

Er dachte nach, oder vielleicht starb er auch wie einer dieser grossen Fische, die aus fernen Meeren auftauchen und an einem überfüllten Strand landen. Fische, die auf ihrer Reise irgendwas falsch gemacht haben, die, von einem Licht oder von einer Seeanemone auf dem Grund angelockt, ihren Schwarm verlassen haben, und wenn sie dann zurückwollen, ist es zu spät.




Meine Meinung:

Gewagt das Buch, aus der Sicht des Antihelden Guido. Nichts an ihm ist liebenswert, doch kein Leser kann ihn mehr hassen als er sich selbst, sein größter Feind im Spiegel. Guido ist unser Führer in diese verbotene Liebe, verleugnet er seine ganze Jugend hindurch was ihm fehlt. Constantino ist erstmals die treibende Kraft und doch dreht sich alles um Guido. Guido, der seit er sich erinnern kann, zwar gut situiert, aber in einem schwarzen, alles verschlingenden Loch lebt, aus dem er nicht herauszukommen scheint. Fehl am Platz, ein Vakant in seinem unschönen, eigenartigen Körper. Glaubt man noch es liegt an seinen Teenagerjahren wird schnell klar, Guido lebt in Düsternis, verbringt sein Leben als suchender nach etwas das nicht existiert. Von allen Künstlern, ist er überzeugt Van Gogh sei ihm mental am nächsten, Kafka gleiche ihm vom aussehen.



Foto: Patryk Sobczak
Das erste Mal zwischen Constantino und ihm lässt ihn kurzzeitig glauben angekommen zu sein, endlich da zu sein wo er hingehört. Doch Mazzantini weiß mehr über das Leben als den Leser mit dem Klischee der alles heilenden Liebe zurückzulassen.
Das Buch ist Guidos bedauern, seine Art Absolution sich selbst gegenüber, über alles was er falsch gemacht hat.
Sein Leben lang schien er nur mit Constantino zusammen sein zu wollen und das Leben, sowie viele Fehlentscheidungen, kam dazwischen. Dies ist ein, für mich, sehr schöner Teil des Buches. Dieses ewige "Wir gehören zusammen" wobei beide in ihrer Verzweiflung versuchen sich wegzustoßen, nur um dann sehnsüchtig wieder zueinander zu finden.

Mazzantini streift in Guidos Biografie ein paar wichtige Zeitabschnitte an. 70er Jahre im patriarchalischen Italien, beide sind Teenager und fangen an sich Fragen zu stellen zu einer Zeit in der man Homosexualität totschwieg. Das Leben als Bisexueller. Später als Guido erwachsen und verheiratet ist, die Entdeckung von Aids, und die Angst davor. Noch später die Möglichkeit öffentlich auszuleben, was man sich früher niemals getraut hätte, und den Preis dafür zu zahlen. 



Foto: Zak Suhar




Ich blieb an der Tür und genoss die Ankunftsszene, die sich öffnende, schwarze Tür des Cabs und ihn, der sich beim Aussteigen bückt, dann aufschaut. Und ich bin da. Sein freund seit jeher, seit damals. Damals bevor dieses Leben hier begann, das schon fast zwanzig Jahre dauert. Das uns seit fast zwanzig Jahren trennt.




Das Buch, und vor allem Guido in seiner Selbstzerstörung, hat mich sehr oft an Yngve aus dem Irrläufer, ein norwegischer Roman von Gudmund Vindland, erinnert. Ein kleiner Tipp am Rande für Leser, die "Herrlichkeit" mochten. Beides Jungen die sich in den 70er / 80er ihrer homosexuellen Neigungen bewusst wurden, beide mit dem Kampf dagegen, und für Normalität. Yngves Selbstzerstörung ist explosiver in der Natur als Guidos, der sich über Jahre hinweg sanft Richtung Tod bewegt, deswegen fühlte sich Guidos Leidensweg realer an. Alkohol und Drogen spielen für beide eine mehr oder minder wichtige Rolle im Leben.
Real ist auch das nächste Schlüsselwort, Mazzantini gibt dem Leser das Gefühl der Echtheit. Keine Fiktion, nein, hier leiden Menschen. 

Wie konnte sie als Frau wissen, wie sich homosexuelle Männer fühlen?
Ihre Antwort: "Das hat damit zu tun, dass ich besonders am Anderen interessiert bin, an dem, was sich von mir unterscheidet. Und die homosexuelle Liebe ist bewusster, es steckt ein größeres Leiden dahinter, man muss einen Teil von sich akzeptieren, der nicht so leicht zu ertragen ist, vielleicht auch, weil dieser Teil extremer ist. Es ist also zunächst schwerer, man selbst zu sein. Es gibt ein zusätzliches Hindernis. Andererseits glaube ich, dass ein Schriftsteller die Fähigkeit haben muss, in ein anderes Leben zu schlüpfen und einen Lebensweg zu konstruieren, der nicht der eigene ist." - NDR.de / Katja Lückert



Foto: Joshua Earle




Wieder dachte ich, dass er es war, der mich mitzog, dass dies nicht meine eigentlich Natur war, sondern nur ein teil von mir, der schmerzlichste. Eine dunkle Seite, zu der er leichten Zugang hatte.









Wie viele schwule Männer zu der Zeit, versteckten sich beide in einer Ehe, hoffen darauf, dass ihre Gefühle erlöschen und das Familienleben sie heilt. Die Liebe und den Respekt den Guido seiner Frau gegenüber bringt, ist zwar glaubhaft, aber auch nur solange vorhanden wie Constanino von der Bildfläsche verschwunden.
Und doch ist die Darstellung der Liebe ein weiteres schönes Puzzelstück. Trotz ihrer Unzulänglichkeiten scheinen beide ihre Familien auf ihre Art zu lieben. Es ist kein Versteck, es ist ein Zuhause, aus Gewohnheit und Erziehung entstanden, aus Angst vor der Alternative, aber dennoch ein Zuhause.

Das Buch bietet dem Kenner des Genres vielleicht keine neuen Einsichten, weiß sprachlich aber zu fesseln. Die Thematik, momentan wegen der Einführung der Homoehe, natürlich sehr aktuell. Dazu kommt, dass Mazzantini mit Guido und Costantino keine üblichen Helden ins Rennen um die Gunst des Lesers schickt. Sie sind nicht Liebenswert und man braucht recht lange bis man sich für Einen oder beide erwärmen kann. Es ist eine Kunst, den Leser am Ende, mit dem Antihelden mitleiden zu lassen. Eine Kunst die Margret Mazzantini beherrscht.



Ich sehe ihm zu, und er macht es. Macht drei Schritte und einen Hüpfer. Und dieser Hüpfer sind wir, glaube ich.
Foto: Gili Benita