Dienstag, 10. Februar 2015

Empfehlung zu "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" von David Whitehouse


Titel: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek



Autor: Whitehouse, David



Verlag: Klett-Cotta



Seiten: 315 Seiten



Preis: 19.95.-




Worum es geht:

David Whitehouse, der Jungstar der britischen Literatur, erzählt von einer verrückten Irrfahrt mit einem gestohlenen Bücherbus quer durch England. Ihm ist eine tragikomische Abenteuergeschichte über die unbeirrbare Suche nach dem Glück und den Zauber der Literatur gelungen.
Bobby Nusku fristet seine Tage damit, Haare, Kleidungsstücke und weitere Spuren seiner verschwundenen Mutter zu sammeln und zu archivieren. Er fühlt sich im Haus seines grobschlächtigen Vaters und dessen wasserstoffblonder Freundin ziemlich einsam, besonders nachdem sein einziger Freund Sunny eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Freundschaft zum Nachbarsmädchen Rosa und ihrer Mutter Val, die Putzfrau in einem Bücherbus ist, gibt ihm Hoffnung und macht ihm Mut, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Als alles drunter und drüber geht, machen sich Val, Rosa und Bobby gemeinsam mit dem sympathischen Outlaw Joe auf eine verrückte Reise mit Vals Bücherbus quer durch England. Im Gepäck haben sie nur das Nötigste: ihre Freundschaft und eine Menge guter Bücher.
"Bücher sind das Leben. Es gibt nicht nur den Teil, den du liest. Sie fangen schon lange vorher an. Und sie gehen danach weiter. Alles geht ewig weiter. Du nimmst nur für ein paar Seiten daran teil, für die Dauer eines winzigen, aus der Zeit geschnittenen Fensters."

David Whitehouse ist einigen vielleicht durch seinen ersten Roman "Bed" bekannt. Passend zum Buch erschien er im Pyjama, lag in einem Bett bei den Vorstellungsterminen des Buches.
Mit der gestohlenen Buchhandlung lies er sich wieder etwas Besonderes einfallen. Er lud in seinen Bücherbus ein, der wirklich, ganz ehrlich, nicht gestohlen war. Bed's Handlung ist limitiert (liegt der Held der Geschichte doch nur im Bett), konzentriert sich auf Beobachtungen, und es scheint als habe er bei der gestohlenen Bibliothek das andere Extrem gesucht. Weg, nur weg und das so weit und so schnell wie möglich, niemals stehenbleiben.
Das Buch klingt, und sieht aus, wie eine nette Lektüre für Buchliebhaber. Der Eindruck täuscht gewaltig! Ist es natürlich auch, aber neben dem oberflächlichen "Süss" und "Buchliebhabercharme" ist die mobile Buchhandlung noch viel mehr.
Bobby Nusku lebt in Angst vor seinem Vater, ungeliebt, und kann sich bei Val endlich entfalten. Sein Wunsch sie, und ihre Tochter Rosa, zu beschützen bringt das Beste in ihm raus, wen stört es da, dass er erst zwölf ist?!
Es fällt jedem leicht Bobby zu mögen. Sein bester Freund Sunny zeigt wie weit man gehen würde, um ihn zu beschützen. Val's Entführung, seine Rettung, wirkt dagegen Halbherzig.

Da Val nicht länger gebraucht wird und nur in einer anderen Stadt eine Chance für sich und ihre Tochter sieht, hat sie durch die neue Bindung zu Bobby einen weiteren Konflikt. Es wäre unverantwortlich ihn zurückzulassen. Kurzerhand wird nicht nur der Bücherbus gestohlen, sondern auch Bobby entführt. Eine Kurzschlusshandlung die Val zwar schnell bereut, aber nicht zu ändern bereit ist. Das Elternschaft nicht leicht ist verkörpert Val in jeder Szene. Alleinerziehend einer behinderten Tochter regt sie sich auf, kriegt sie ein Kompliment gemacht à la "was für eine gute Arbeit sie mache", als wäre ihre Tochter eine Maschine die sie zu bedienen wisse. Was viele Eltern wissen, du kannst jahrelang alles richtig machen, aber eine falsche Entscheidung kann das Leben zerstören.
Passend zu dem Road Trip werden Bücher gelesen. Die Kinder werden, unter anderem, erzogen mit Moby Dick, Alice im Wunderland, Mathilda, der kleine Prinz, von Mäusen und Menschen, Robin Hood Die Schatzinsel, der geheime Garten, das Dschungelbuch. Whitehouse schafft es, selbst in den unbeschwerteren Momenten, ein unwohlsein zu erzeugen. Nie vergisst der Leser, dass diese Aussetzigen auf der Flucht sind.

"'In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben', sagte sie. 'Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben.'"

David Whitehouse beginnt mit "dem Ende", doch wie Val immer sagt: Es gibt kein Ende. Alles geht weiter, auch ohne dich.
Mit dem Ende ist der Leser bereits so in die Geschichte verwickelt, dass es keiner schafft nicht weiterzulesen. Der Bus, nur Zentimeter vor den Klippen, von der Polizei umstellt, Bobby und Rosa die aussteigen um sich Seelenruhig ein Eis kaufen zu gehen...
Whitehouse's Welt ist kein Zuckerschlecken, schnell wird klar, dass in seiner Realität niemand ohne Probleme ist. Keine vorkommende Figur in diesem Roman ist frei von Schuld, Angst oder Sorgen. Wahrhaft glücklich scheint nur der Hund.
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek ist eine Ansammlung von allen Alpträumen die man sich vorstellen kann, und das meine ich so positiv wie man es meinen kann. Als ich dem Autor das sagte, meinte er: "Thank you. That's the best thing anyone has said about it."
Von Mobbing, häuslicher Gewalt, Selbstverletzung, bis hin zu Pädophilie, finden wir hier alles. Besonders nahe ging mir Sunnys Schicksal und sein Wunsch Bobby zu beschützen, ein Wunsch den zu erfüllen, er alles bereit war zu tun. Wenn wir etwas Positives aus der Geschichte lernen, dann, was Freundschaft bedeutet.
Eine Tragikomödie bei der man nicht weiß ob man weinen oder lachen soll, und eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.
Das war Freundschaft.
Wenn dir jemand den Schlüssel
für einen bis dahin zugesperrten
Teil deiner Seele gab.


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