Samstag, 14. Februar 2015

Empfehlung "Eleanor & Park" von Rainbow Rowell



Autor: Rainbow Rowell
Titel: Eleanor & Park
VerlagHanser Literaturverlag
Seiten: 368 Seiten
Preis: 16,90.-

Wie schreibt man eine Rezension zu einem Buch, dass einen sprachlos zurückgelassen hat?
Wie aussagekräftig wäre es hier jetzt einfach hundertmal ICH LIEBE DIESES BUCH zu schreiben?
Eleanor erklärt ihre Liebe zu einem Lied so:


“I just want to break that song into pieces and love them all to death.”
Ersetzt man "song" zu "book" kommt es annähernd an das Gefühl heran das ich für dieses Buch habe. Ich schrieb der Autorin über Twitter dass ich mir am liebsten jedes Wort tättowieren lassen würde, doch Rainbow meinte ich solle erst mal eine Nacht drüber schlafen, und dann morgen überlegen ob ich noch glücklich mit der Entscheidung wäre. Ich habe mittlerweile ein paar mal drüber geschlafen, das Buch zum zweiten Mal angefangen und denke, ich wäre immer noch glücklich damit, das Buch auf der Haut zu tragen.

“Can't you just like a girl who likes you back?
Noone like me back. I may as well like the one I really want.”

John Green hat am 8 März für die New York Times eine Rezension zu dem zweiten Roman von Rainbow Rowell geschrieben. Das Erstlingswerk "Attachments" von ihr hatte ich bei erscheinen auf deutsch gelesen, und als schlecht abgespeichert, daher war ich erstaunt, dass John Green sich Eleanor & Park zuwande.
Nach der Lektüre seiner Rezension stellte ich mir die Frage ob ich ihm vertrauen schenken und mir das Buch besorge, oder daran festhalte dass ich ihr erstes Buch nicht mochte. Ich habe John vertraut und ich sollte belohnt werden.


“She never looked nice. She looked like art, and art wasn't supposed to look nice; it was supposed to make you feel something.”
Worum geht es?
Als die sechzehnjährige Eleanor zum ersten Mal mit dem Bus zu ihrer neuen Schule fährt muss sie feststellen, dass der einzige freie Platz neben einem Jungen ist. Sie zieht es vor die paar Minuten bis zu Schule stehen zu bleiben, doch der Busfahrer macht schnell deutlich dass sie sich entweder hinsetzt oder aussteigt.
Park kann sein Unglück kaum fassen als die Neue den Bus betritt, und nur noch neben ihm Platz ist. Eleanor, von allen nur Big Red genannt, wegen ihrer Körperfülle und der roten Lockenmähne, versucht vergeblich unsichtbar zu sein. Doch wie Park so schön feststellt, ist Eleanor alles, aber nicht unsichtbar. Schüchtern nähern sich die beiden an. 
Eine Freundschaft und eine Liebe die standhalten muss, gegen die gesamte Welt, wie es scheint. Doch was kümmert es Eleanor was ihre Mitschüler denken, oder ihr verhasster Stiefvater macht, wenn sie nur jeden Morgen mit Park reden kann.
Was banal klingt, weiss gekonnt zu überzeugen.
Gruppenzwang, Mobbing, Highschoolhierachie und die Angst seine Stellung darin zu verlieren, Vorurteile und häusliche Gewalt gemischt mit der zarten und überwältigenden ersten Liebe taucht das Buch in eine düstere Atmosphäre der man nur durch die Hoffnung auf Glück für Eleanor & Park standhalten kann.
Selten habe ich ein Buch über ein fülligeres Mädchen gelesen, dass so genau wusste wie ich mich in der Schulzeit immer gefühlt hatte. Auch meine Teenagerzeit ist geprägt worden durch Busfahrten. 
Ein weiteres Hightlight für mich: In vielen Büchern mit dickeren Hauptfiguren müssen die erst abnehmen um beliebt und geliebt zu werden. Endlich gibt es ein Buch, in der die Heldin sich keiner Diät unterzieht um zur Sexbombe und der Frau zu werden die sie schon immer in ihr geschlummert hat. Eleanor ist perfekt, für sich und für Park und die vielen, vielen Leser. 
Mal abgesehen von Bitterschokolade von Pressler kann ich mich an keinen Titel erinnern. Rainbow weiss wovon sie schreibt, man merkt dass das Buch persönlich war. Nach mehreren Büchern von Rowell habe ich herausgefunden dass mir die Bücher, in der sie am ehrlichsten ist, die Geschichte die sie am realsten erlebt hat, am liebsten sind. 

Rainbow Rowell hat auf ihrer Homepage eine Liste mit Songs von denen sie fand, dass sie die Geschichte untermalen, veröffentlicht und genau diese hatte ich vor der Lektüre installiert, damit ich das Buch auch so erleben konnte wie die Autorin es sich wünschte, und das hat es wirklich in sich. Wenn euch die Möglichkeit bietet, hört die Musik dazu.
"I just meant that... I want to be the last person who ever kisses you, too.... That sounds bad, like a death threat or something. What I'm trying to say is, you're it. This is it for me.”

Dienstag, 10. Februar 2015

Empfehlung zu "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" von David Whitehouse


Titel: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek



Autor: Whitehouse, David



Verlag: Klett-Cotta



Seiten: 315 Seiten



Preis: 19.95.-




Worum es geht:

David Whitehouse, der Jungstar der britischen Literatur, erzählt von einer verrückten Irrfahrt mit einem gestohlenen Bücherbus quer durch England. Ihm ist eine tragikomische Abenteuergeschichte über die unbeirrbare Suche nach dem Glück und den Zauber der Literatur gelungen.
Bobby Nusku fristet seine Tage damit, Haare, Kleidungsstücke und weitere Spuren seiner verschwundenen Mutter zu sammeln und zu archivieren. Er fühlt sich im Haus seines grobschlächtigen Vaters und dessen wasserstoffblonder Freundin ziemlich einsam, besonders nachdem sein einziger Freund Sunny eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Freundschaft zum Nachbarsmädchen Rosa und ihrer Mutter Val, die Putzfrau in einem Bücherbus ist, gibt ihm Hoffnung und macht ihm Mut, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Als alles drunter und drüber geht, machen sich Val, Rosa und Bobby gemeinsam mit dem sympathischen Outlaw Joe auf eine verrückte Reise mit Vals Bücherbus quer durch England. Im Gepäck haben sie nur das Nötigste: ihre Freundschaft und eine Menge guter Bücher.
"Bücher sind das Leben. Es gibt nicht nur den Teil, den du liest. Sie fangen schon lange vorher an. Und sie gehen danach weiter. Alles geht ewig weiter. Du nimmst nur für ein paar Seiten daran teil, für die Dauer eines winzigen, aus der Zeit geschnittenen Fensters."

David Whitehouse ist einigen vielleicht durch seinen ersten Roman "Bed" bekannt. Passend zum Buch erschien er im Pyjama, lag in einem Bett bei den Vorstellungsterminen des Buches.
Mit der gestohlenen Buchhandlung lies er sich wieder etwas Besonderes einfallen. Er lud in seinen Bücherbus ein, der wirklich, ganz ehrlich, nicht gestohlen war. Bed's Handlung ist limitiert (liegt der Held der Geschichte doch nur im Bett), konzentriert sich auf Beobachtungen, und es scheint als habe er bei der gestohlenen Bibliothek das andere Extrem gesucht. Weg, nur weg und das so weit und so schnell wie möglich, niemals stehenbleiben.
Das Buch klingt, und sieht aus, wie eine nette Lektüre für Buchliebhaber. Der Eindruck täuscht gewaltig! Ist es natürlich auch, aber neben dem oberflächlichen "Süss" und "Buchliebhabercharme" ist die mobile Buchhandlung noch viel mehr.
Bobby Nusku lebt in Angst vor seinem Vater, ungeliebt, und kann sich bei Val endlich entfalten. Sein Wunsch sie, und ihre Tochter Rosa, zu beschützen bringt das Beste in ihm raus, wen stört es da, dass er erst zwölf ist?!
Es fällt jedem leicht Bobby zu mögen. Sein bester Freund Sunny zeigt wie weit man gehen würde, um ihn zu beschützen. Val's Entführung, seine Rettung, wirkt dagegen Halbherzig.

Da Val nicht länger gebraucht wird und nur in einer anderen Stadt eine Chance für sich und ihre Tochter sieht, hat sie durch die neue Bindung zu Bobby einen weiteren Konflikt. Es wäre unverantwortlich ihn zurückzulassen. Kurzerhand wird nicht nur der Bücherbus gestohlen, sondern auch Bobby entführt. Eine Kurzschlusshandlung die Val zwar schnell bereut, aber nicht zu ändern bereit ist. Das Elternschaft nicht leicht ist verkörpert Val in jeder Szene. Alleinerziehend einer behinderten Tochter regt sie sich auf, kriegt sie ein Kompliment gemacht à la "was für eine gute Arbeit sie mache", als wäre ihre Tochter eine Maschine die sie zu bedienen wisse. Was viele Eltern wissen, du kannst jahrelang alles richtig machen, aber eine falsche Entscheidung kann das Leben zerstören.
Passend zu dem Road Trip werden Bücher gelesen. Die Kinder werden, unter anderem, erzogen mit Moby Dick, Alice im Wunderland, Mathilda, der kleine Prinz, von Mäusen und Menschen, Robin Hood Die Schatzinsel, der geheime Garten, das Dschungelbuch. Whitehouse schafft es, selbst in den unbeschwerteren Momenten, ein unwohlsein zu erzeugen. Nie vergisst der Leser, dass diese Aussetzigen auf der Flucht sind.

"'In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben', sagte sie. 'Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben.'"

David Whitehouse beginnt mit "dem Ende", doch wie Val immer sagt: Es gibt kein Ende. Alles geht weiter, auch ohne dich.
Mit dem Ende ist der Leser bereits so in die Geschichte verwickelt, dass es keiner schafft nicht weiterzulesen. Der Bus, nur Zentimeter vor den Klippen, von der Polizei umstellt, Bobby und Rosa die aussteigen um sich Seelenruhig ein Eis kaufen zu gehen...
Whitehouse's Welt ist kein Zuckerschlecken, schnell wird klar, dass in seiner Realität niemand ohne Probleme ist. Keine vorkommende Figur in diesem Roman ist frei von Schuld, Angst oder Sorgen. Wahrhaft glücklich scheint nur der Hund.
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek ist eine Ansammlung von allen Alpträumen die man sich vorstellen kann, und das meine ich so positiv wie man es meinen kann. Als ich dem Autor das sagte, meinte er: "Thank you. That's the best thing anyone has said about it."
Von Mobbing, häuslicher Gewalt, Selbstverletzung, bis hin zu Pädophilie, finden wir hier alles. Besonders nahe ging mir Sunnys Schicksal und sein Wunsch Bobby zu beschützen, ein Wunsch den zu erfüllen, er alles bereit war zu tun. Wenn wir etwas Positives aus der Geschichte lernen, dann, was Freundschaft bedeutet.
Eine Tragikomödie bei der man nicht weiß ob man weinen oder lachen soll, und eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.
Das war Freundschaft.
Wenn dir jemand den Schlüssel
für einen bis dahin zugesperrten
Teil deiner Seele gab.


Dienstag, 3. Februar 2015

Empfehlung zu "Alles Licht das wir nicht sehen" von Anthony Doerr



Autor: Anthony Doerr
Titel: Alles Licht, das wir nicht sehen
VerlagC.H.Beck
Preis: 19.95
Seiten:  519 Seiten


Worum es geht:
Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am „Muséum National d’Histoire Naturelle“ arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell Saint-Malos, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen. 
Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt … 
Kunstvoll und spannend, mit einer wunderschönen Sprache und einem detaillierten Wissen um die Kriegsereignisse, den Einsatz des Radios, Widerstandscodes, Jules Verne und vieles andere erzählt Anthony Doerr mit einer Reihe unvergesslicher Figuren eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg, und vor allem die Geschichte von Marie-Laure und Werner, zwei Jugendlichen, deren Lebenswege sich für einen folgenreichen Augenblick kreuzen. - Klappentext von C.H. Beck


„...Die Jungen um ihn herum kamen Werner wie berauscht vor. Als füllten sie ihre Gläser nicht mit dem kalten Wasser Schulpfortas, sondern mit einem Geist, der sie benommen machte und blendete...."

Meine Meinung:
Hier mal wieder ein Beispiel wie Ausstattung und Zusammenfassung dafür sorgen können dass tolle Bücher an einem vorbeigehen. Weder das Cover, der Titel noch die Inhaltsangabe hätte mich dazu gebracht dieses Buch zu lesen. Einzig die unaufhörlichen positiven Bewertungen anderer Blogger und Freunde brachte mich dazu. "Echt jetzt? Das Buch? Schon wieder einer?" 
Erstaunlicherweise ist der Verkauf der deutschen Übersetzung eher schleppend angelaufen. Hat das Buch in Amerika und Grossbritannien bereits Rekordverdächtige positive Reviews auf Amazon erhalten, musste es erst noch den Pulitzer Preis erhalten um auch auf Deutsch auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht liegt es am Dauerthema Nazi und Nazideutschland von dem, ich übrigens auch, viele genug haben. Doch dieses Buch, trotz Werner und wie er in Nazideutschland aufwächst, fühlt sich nach allem an, nur nicht nach "noch so einem Buch über den Zweiten Weltkrieg". Es fühlt sich an wie das Erste. Jedes (extrem kurze) Kapitel strotzt nur so vor Spannung, gibt dem Leser pointiert das Gefühl im Chaos des Krieges zu stecken. Hagelt es hier noch Mauerstücke vom Himmel, steht im nächsten Kapitel ein Dorf in Flammen und der Autor weiss die Hitze vom Papier zu übertragen. Cliffhanger nach Cliffhanger bringt einen dazu die fast 600 Seiten am Stück lesen zu wollen, schade dass man noch arbeiten muss. Aus zwei Sichten in zwei Zeitsträngen kriegen wir die Geschichte von Werner und Marie-Laure erzählt, 1940 und 1944 scheinen nicht allzu weit auseinander und doch liegt ein Leben dazwischen. Schatzjäger verfolgen Marie -Laure und den Stein den ihr Vater aus dem Museum hat, Werner lernt den Nazis nicht alles zu glauben und strickt seine eigenen Intrigen. Werners Entwicklung von dem Knaben der blind seiner Erziehung folgt, bis hin zu dem jungen Mann der beginnt seine Umwelt in Frage zu stellen ist ein Highlight der Geschichte. Marie-Laures Kapitel sind ein Paradebeispiel an Abenteuerroman.  Eine prägnante und bildliche Sprache macht es einem leicht sich sofort in dieser Welt wiederzufinden. Eine Geschichte die man mitlebt.


"Manchmal ist das Auge des Sturms der sicherste Ort."

Dass dieses Buch so gut funktioniert könnte aber auch daran liegen, dass es in der Belletristik funktioniert, wie auch im Jugendbuchregal, für die Frau, wie für den männlichen Leser. Ein Allrounder, der für jeden was zu bieten hat.
Ein Kunde meinte enthusiastisch, dass man, wenn man nur ein Buch dieses Jahr liest, es dieses hier sein soll! Dieser Kunde war ein Buchkritiker für das regionale Radio. Er hat das Buch gleich zwei anwesenden Kunden aufgedrängt. Meine Zustimmung hat er.